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"Wir müssen uns ständig verändern"
Präsidentschaftskandidat Karel Schwarzenberg über fränkisch-böhmische Gemeinsamkeiten, edle Tropfen, grenzüberschreitende Projekte und die EU
Erstmals in der Geschichte Tschechiens dürfen die Bürger ihren Präsidenten direkt wählen. Einer der Kandidaten ist der derzeit amtierende Außenminister Karl Schwarzenberg, der überraschend die erste Hürde der Präsidentschaftswahl genommen hat und sich mit Ex-Premier Milos Zeman in wenigen Tagen das Duell um die Prager Burg liefert.
Herr Schwarzenberg, können Sie Fränkisch?
Schwarzenberg zählt zu den schillerndsten Polit-Persönlichkeiten in Tschechien. Seit 2008 bekleidet er das Amt des tschechischen Außenministers (unterbrochen von einem halben Jahr während der Technokratenregierung unter Jan Fischer). 2009 übernahm er zusätzlich den Vorsitz der Partei TOP'09. Er ist Oberhaupt der Familie Schwarzenberg, einem böhmisch-fränkischen Adelsgeschlecht, das zum Hochadel gerechnet wird. Neben Besitztümern in Böhmen verfügt die Familie auch über Ländereien und Immobilien in Franken. Wenn es seine zeitlich begrenzten Möglichkeiten zulassen, besucht Schwarzenberg gerne das Familienschloss
Der Stammsitz der Familie: Schloss Schwarzenberg in Scheinfeld bei Ansbach Bild: Reinhard Ipfling
im mittelfränkischen Scheinfeld bei Ansbach. Für "Powidl" sprach Bernd Rudolf mit Schwarzenberg über Franken und Böhmen und wie er sich das Europa der Zukunft vorstellt.
Nein, Fränkisch kann ich nicht. Ich verstehe es aber. Ich muss hierzu ergänzen, dass ich ganz allgemein schlecht in Dialekten und Sprachen bin. Außerdem habe ich für eine zu kurze Zeit in Franken gelebt, obwohl ich dort bis zum Jahr 1990 stets meine Ferien verbracht habe.
Welche Gemeinsamkeiten teilen Franken mit Böhmen?
Beide Völker haben gewisse Eigenschaften gemein. Der Einfluss der Franken in Böhmen ist vor allem bei dem tschechischen Wort "Knedlik" ersichtlich. Das tschechische Wort für Knödel ist eine Abwandlung des altfränkischen Wortes "Knedling", was zu den ersten Wörtern zählt, die nach Böhmen durchgedrungen sind. Schon da erkennen Sie die enge Verwandtschaft. Beide Stämme haben eine gemeinsame Küche, sie lieben Sauerkraut, den Karpfen, der allerdings in Tschechien etwas anders zubereitet wird, und natürlich das Bier. Charakteristisch teilen wir eine gewisse Streitsucht. Und vor allem gibt es viele Ähnlichkeiten in der Kunst. Der fränkische und böhmische Barock sind sich ähnlicher als der fränkische und bayerische. Bekanntester Vertreter ist Balthasar Neumann, der in Eger geboren wurde und in Franken wirkte.
Bleiben wir beim Thema "Kulinarik". Was ist ihre Lieblingsspezialität aus Franken?
Einerseits mag ich den fränkischen Silvaner sehr gerne, besonders meinen eigenen aus Ipphofen. Was ich wahnsinnig gern esse, sind die diversen Bratwürste, die, wenn man von Nürnberg nach Coburg geht, immer länger werden. Dazu gehört noch etwas Sauerkraut und ein richtig gutes fränkisches Brot. Das Ganze rundet man am besten mit einem guten Bier aus Oberfranken ab. Dann bin ich restlos glücklich. Das beste Brot der Welt gibt es übrigens in Bamberg bei der Bäckerei Schüller.
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Wie beurteilen Sie die Beziehungen zwischen Bayern und Tschechien?
Die sind endlich normal geworden. Natürlich kann man da noch manches verbessern, zum Beispiel eine engere Zusammenarbeit im Bereich der Hochschulen. Auch auf dem kulturellen Sektor sollten die Beziehungen vertieft werden. Ich könnte mir mehr gemeinsam projektierte und in die Tat umgesetzte Ausstellungen vorstellen.
Welche Vorurteile hegen Bayern und Franken gegenüber den Tschechen?
Ich habe immer die Erfahrung gemacht, dass Vorurteile von Generation zu Generation weitergegeben werden. Ob in der Bevölkerung Bayerns Vorurteile gegenüber Tschechen vorherrschen, kann ich heute nicht mehr beurteilen. Aufgrund meiner Funktion als Außenminister begegnen mir die Leute stets freundlich.
Sie gehören zu den beliebtesten Politikern in Tschechien, auch Karl Theodor zu Guttenberg war in Bayern sehr beliebt. Kann man sagen, dass der Adel wieder zurückkommt auf die politische Bühne?
Der Adel war eigentlich immer da. Karl Theodor, den ich sein ganzes Leben lang kenne - ich war schon bei seiner Taufe dabei - hat einen schlimmen Absturz erlebt. Aber Leute kommen und gehen. Ich denke aber nicht, dass der Adel eine Renaissance erlebt.
Glauben Sie, dass zu Guttenberg wieder in die Politik zurückkehren wird?
Das kann ich nicht sagen, das hängt von den Wählern in Oberfranken ab. Momentan schaut es jedoch nicht gut aus.
Viele sprechen vom Europa der Regionen. Sind Sie der Ansicht, dass dieses Konzept gestärkt werden sollte?
Ja, bestimmt. Ich wäre auch dafür, dass Brüssel den einzelnen Regionen und Nationalstaaten einige Vollmachten und Kompetenzen zurückgibt. Ich sehe nicht ein, warum es die Bezeichnung von Marmeladen und Käse und die Art und Weise, wie man Schnaps brennt, regeln soll. Europa soll sich mit den wichtigen Dingen wie zum Beispiel der Verteidigungs- oder Energie- und Sicherheitspolitik beschäftigen.
Könnten Sie sich eine engere Zusammenarbeit zwischen Tschechien, Bayern und Österreich vorstellen?
Die drei Länder arbeiten schon heute sehr eng zusammen. Doch auch mit Polen pflegen wir gute Beziehungen. Aber Österreich, Bayern und Tschechien als eine Region aufzufassen, wäre nicht richtig. Eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit funktioniert besser in kleineren Einheiten. Ein geeignetes Beispiel hierfür ist die Zusammenarbeit der Regionen Wien, Pressburg und Györ in Ungarn. Schon heute fassen die Bürger diesen Raum als eine gemeinsame Region auf. In Zukunft wird meiner Meinung nach auch Schlesien, das sich heute auf drei Länder verteilt, wieder zusammenwachsen.
Momentan spricht jeder von der Eurokrise. Glauben Sie, dass der Euro in dieser Form überleben wird?
Ich habe noch nie gesehen, dass etwas unverändert geblieben ist. Wenn man versucht hat, etwas zu betonieren, wurde es später oft zerschlagen. Wir müssen uns ständig verändern. Wir als Politiker müssen den Veränderungen vorausgehen und nicht hinterherhinken. Das sage ich auch als konservativer Politiker.
Glauben Sie, dass Griechenland aus den Euroraum ausscheiden könnte?
Da bin ich zu wenig Finanzfachmann. Die einen behaupten, es wäre günstiger, wenn Griechenland eine eigene Währung einführt. Die anderen meinen, es würde uns teurer zu stehen kommen. Es wäre aber grotesk, wenn das Land, wo der Begriff Europa entstanden ist, aus der Europäischen Union ausgeschlossen würde.
Gute Nachbarn: Schwarzenberg mit Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer (o.) und Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel. Bilder: Österreichische Präsidentschaftskanzlei; Cicero
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Interview mit Präsidentschaftskandidat Karel Schwarzenberg Text: Bernd Rudolf
Bild: TOP'09
Bernd Rudolf Geboren 1967, studierte Politikwissenschaft; Volontariat beim Frankenfernsehen, Redakteur bei ATV-TV und der Prager Zeitung Kontakt: bernd.rudolf@seznam.cz
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